Hermann Glöckner Archiv
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Werk von Hermann Glöckner Werk von Hermann Glöckner Werk von Hermann Glöckner Werk von Hermann Glöckner
Die Temperablätter eröffnen das zu wenig bekannte Spektrum des Malers Glöckner, der von sich sagte: "Ich bin eben im Grunde kein Konstruktivist, bin vor allen Dingen Maler."¹ An zwölf Blättern von 1948 bis 1968 ist hier abzulesen, wie Glöckner – ehe er sich als Maler selbst 'pensionierte' – nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs sich neu orientierte und wie er sich nach einen Ausflug ins Informell bald wieder konstruktivistisch disziplinierte.


Die um 1948 entstandenen 'Farbfelder in vier warmen Tönen' sind zeitgleich mit den verzahnten Farbflächen des seiner Zeit gerühmten Serge Poliakoff (1906 – 1969). – Für 'Neun Farbflächen' (Kat. 22 vom 07.01.1956) wurde der Aquarell-Kasten tachistisch mobilisiert, doch (typisch für Glöckner) nicht in ganzer Freiheit dressiert, sondern geometrisiert durch Einschnitte und ironisiert durch die Schlagzeile einer collagierten Tageszeitung: 'Dahintergekommen' (könnte man ihn fragen, was dahinter steckt, würde er vermutlich mit seinem entwaffnenden Lächeln antworten).²

¹ Erpenbeck 1983, S. 59.

² Siehe dazu Rudolf Mayer: Zeichnungen öber Zeitungen, in: Katalog Ulm 1991, S. 18 – 19.
Zum Informell gehört auch die ostasiatische Kunst der Kalligrafie, die in der westdeutschen Gruppe 'ZEN 49' eine Rolle spielte; Glöckner erprobt sie spielerisch auf sechs Streifen grauen Faserpapiers (Kat. 34). – Ein 'Braunes Kreuz', umspielt von blauen und roten Schwüngen (siehe Abb. 11), provoziert die Erinnerung an das Markenzeichen von Joseph Beuys: 'Braunkreuz'.¹– Glöckners Rückkehr zum Ordnungsprinzip bekundet ohne Einbuße an Sensibilität das 'Triptychon': 'Kreuz aus vier Flächen – Rot – Grün – Indischgelb' vom August 1968 (Kat. 58 – 60).²– Andere Künstler hätten aus Formfindungen, wie den zeichenhaft angeordneten 'Schwarzen und grauen Feldern' (Kat. 52) oder dem Mauerbild aus 'Sieben rostroten Balken' (Kat. 53) ganze Werkreihen entwickelt, doch für Glöckner blieben es Nebenwege.


¹ Die Spur dieser Berührung kann hier nicht weiter verfolgt werden. Doch sei darauf hingewiesen, dass der bedrohende, existenzielle Charakter des Kreuzmotivs noch stärker in einer Variante des Dresdner Kupferstich-Kabinetts herauskommt (die wohl nicht zufällig als Farbpostkarte verbreitet ist). Dort schwebt das vom Rost angefressene Kreuz, über einem morbide gefleckten Grund (Farbabb. 37 im Katalog Dresden 1989, Nr. 366 [20.07.1962]).

² Nicht nur dem Kunsthistoriker wird angesichts der puren Kreuzesform Malewitschs Suprematismus aus Quadraten und Kreuzen einfallen, die formal absolut regelmäßig und farbig undurchdringlich sind, die von Glöckner aber nicht. Sie sind durch einen monotypieartigen Abdruck der Farbe lichtdurchlässig, was ihnen eine gewisse Aura verleiht, und sie sind wohl auch nach Art des christlichen Kreuzes als Hochformat konzipiert; dagegen im Katalog Ulm 1991, S. 60 – 61 quer nebeneinander wie ein Band gelegt und im Katalog Berlin 1992, S. 73 übereinander gestapelt. Glöckner hat sich dagegen verwehrt, in seiner Frühzeit von Malewitsch gewusst und "eine Verbindung zu den anderen Konstruktivisten" gehabt z haben. "Es gibt sie nicht." (Erpenbeck 1983, S. 57).
Freie Temperablätter